Iris Kammerhofer                                           zurück
                                                                                                                                                                       zurück zu Aktuelles

 

...mein Kunstwerk vollenden

 

Eine Bestandsaufnahme in den außerordentlichen Dimensionen von 4mal 5 cm im Sockelbereich eines barocken Seitenaltares brachte meine Ironie zum hierarchischen Alltag zum Ausbruch.
Hr. Mag. Begutachter, auf mich herab sehend, hielt eine erregte lautstarke Rede.

Ich unter ihm expressiv aufmerksam. 
In meiner Impression mit allen Sinnen darauf konzentriert, das in mir Befindliche vom Bauch in den Mund Steigende zu unterdrücken. 
Die Vernunft war es, die in letzter Sekunde den gebrochenen Staudamm meines Lachens in ein lautes undefinierbares Hustengeräusch umwandelte.
Nur schwach vernahm ich, dass er bis auf das Letzte darüber erschüttert war, dass ich die Frechheit besaß eine so gut erhaltene, original getreue Marmorimitation zu beschädigen. Aufgrund des, ich betone, „ seines Erachtens“ großen Fehlers der Restaurierung und der wohl ausschlaggebenden „pups“ artigen Äußerungen meines Innersten erkannte ich in seinen Augen die sofortige Abstufung meiner von Null auf Minus.
Die ihm klar erscheinende Überlegenheit des theoretischem Fachwissens und schlicht das Auskosten des Machtgefühls, trieb ihn aufgeputscht voran. Eine in Sprache und Form perfektionierte  Verständnislosigkeit ausdrückende, Rede folgte. Er referierte über vergilbten Firnis, beschädigte Grundierung, und Verletzung der darunter liegenden Temperaschicht bis hin zur Streichung der finanziellen Förderung des Bundesdenkmalamtes.

Ich könnte ihn jetzt darüber informieren, dass Hr. Ing. Sachverständiger vorbei gekommen ist und mir aufgetragen hat eine Begutachtungsprobe gut ersichtlich freizulegen. Um den sympathischen noch unerfahren in seiner Tätigkeit wirkenden jungen Mann vollends zufrieden zu stellen und damit sich niemand der hohen Herren abmühen müsste auf das dreckige Gerüst zu klettern, habe ich ihm seinen Wunsch wohl durchdacht, erfüllt. Auf meine Platzwahl stolz, habe ich ihm die am besten ersichtliche und am leichtesten zugänglichste Stelle gewidmet. Mich daher mit Pinsel und Farbe von einem 10m. hohen Gerüst zu holen, um mich über eine  4mal 5 cm kleine Stuckmarmorbeschädigung zu belehren, während ich seit 4 Stunden im Attikabereich wegen starker Beschädigung einen 4mal 5 Meter großen Ausschnitt neu marmoriert habe, empfinde ich als unnötigen Zeitaufwand.
Meine naiven Erfahrungen hatten mir wiederholt gezeigt, dass sich Eine im einseitigen Ruhm gebadete Diskussion, im Schweigen des Zweiten am Besten bewährt.
In meinen Gedanken übermalte ich das Schandfleckchen mit 2 elegant gelernten Pinselstrichen. Als er inmitten eines Rufsatzes verstummte, war der Abgang des Gesprächs, würde ich sagen, auf beiden Seiten befriedigend.

Der Grund dafür, das Eintreten der gesamten Wichtigkeit der Baugesellschaft, unter der Mächtigkeit des gotischen Stufenportals. Das Bildwerk des Anblicks war malerisch. Hinter der Aristokratie von außen in das Innere glitzerten die letzten Sonnenstrahlen. Ober ihnen links und rechts, zwei Engel, im strahlenden Majolika, weiß, andächtig auf sie herab blickend. Ein gelungenes Kunstwerk, ganz besonders für mich, da ich tags zu vor die beiden Engelein mit größter Sorgfalt auf Hochglanz poliert hatte und entdeckte, das der Bildhauer der sie geschnitzt hatte, sich scheinbar einen Scherz erlaubte und den beiden eine Mimik der “ hinterfotzigen Grimasse “ gegeben hatte.
Die gesamte Meute schlenderte nun, begleitet von wilden Diskussionen, quer durch das Hauptschiff in Richtung  Apsis. Während sich mein Gegenüber ihnen entgegen stürzte. 
Alle vereint.
Der Platz im Dom, ich hätte es nicht für möglich gehalten, wurde für mich und die Titel, zu eng.
Anwesend waren, ich darf zitieren:  
Hr. Dr. Bundesdenkmalamt, im Gefecht mit  
Fr. Dr. Architektin
Der äußerst sympathische Hr. Ing., verfolgt von meinem Peiniger
Herrn Mag..
Der Hr. Pfarrer, mit Meister Chef.
Im stillen Hintergrund
Der Messner,  die Putzfrau und ich.

 
Ich wäre gar nicht aufgefallen hätte mich die Neugier nicht getrieben. Plötzlich erschien mir die Aufgabe als extrem wichtig, einen Holz geschnitzten Christus Korpus mit der Höhe von 1 Meter, in den Lieferwagen zu verfrachten.
So stellte ich Farbe und Pinsel ab, ging zum Jesus und kämpfte damit ihn, beim rechten Arm und linken Bein fassend, hoch zu heben. Ungeschickt, da er mir die Sicht versperrte, wankte ich vorwärts.  
Da auf Grund der vielen Gerüststangen keine andere Möglichkeit bestand, musste ich ganz dicht hinter dem Auflauf vorbei. Während ich besonders an dieser engen Stelle Schwierigkeiten hatte meine Kraft zu  bündeln und deshalb notgedrungen etwas langsamer wurde, um mir eine Rast zu gönnen, vernahm ich einige interessante Wortgefechtsfetzen. 
So hat mich ein unbedeutender Fragesatz ganz besonders berührt:  
„Darf ich ihnen ihre Unterlagen halten Frau Architektin?“
Mein Freund der Begutachter so untergeben, wer hätte das gedacht?
Während ich mich dahinter, mit meiner Skulptur plage.
Leise vor mich hin schimpfend und fluchend, schliff ich unseren Heiland zum Abtransport zur Tür hinaus. „Nicht einmal deine Freunde da oben haben Mitleid mit mir, obwohl sie mir ihren Glanz verdanken,“ erklärte ich unserem Retter.  
Als ich zurück kam, Christus gut verpackt, hatte ich mein Interesse an der Gesellschaft verloren.
Aber ich hatte anscheinend ihres erweckt. 
Mein Meister verlangte nach mir.
Welche ehrenvolle Aufgabe ich wohl zu tragen hatte?
Vielleicht bekam ich gar ein Lob über meine perfekt gearbeitete Stuckmarmorimitation.  

Ich klopfte mir den Schleifstaub mit zwei kräftigen Schlägen auf die Oberschenkel von der Arbeitshose und richtete meine Frisur.
„Könnten Sie bitte der Fr. Doktor den Scheinwerfer richten?“
„Aber natürlich borge ich der Fr. Dr. meinen Scheinwerfer.“ „ Ich habe nichts Besseres zu tun,“ murmelte ich vor mich hin und fuhr mit meiner Hand durch die ordentlich sitzenden Haare.  
„Etwas weiter nach links, nein doch lieber ein kleines Stückchen nach rechts. Gut so.“
1000 Watt erhellten nun den Sockelbereich.
Schicht 3 ist die älteste und daher wird diese freigelegt. Ich möchte erwähnen, dass Schicht 2 die wertvollste ist und es deshalb dringend notwendig ist diese zu beachten. Eine Reinigung der 1. Schicht ist völlig ausreichend.  
Sie waren so sehr damit beschäftigt sich zu zeigen, wer im Recht war, dass das eigentliche Objekt in den Hintergrund gedrängt wurde. 
Noch ausführlicher wurde über das Recht diskutiert.
Außerdem bemerkten sie gar nicht, dass ich den Scheinwerfer wieder in mein Eckchen gerichtet hatte.
Ich stand also unbeachtet neben ihnen und dachte mir:
„diese armen Seelen im Dom werden niemals an ein zufriedenstellendes Ziel gelangen.“

Deshalb platzierte ich mich wieder abseits des Spieles der Wichtigkeiten, als unbedeutender Bauer im System.
Von König, Dame und Hofstaat wurde ich in mein nach Lösemittel dampfendes Eckchen abgedrängt.
Die giftigen Inhaltsstoffe verliehen mir ein breites Grinsen im Gesicht.
Mit stiller Gewissheit  werde ich ...
Im selben Moment habe ich meinen letzten Gedanken beim monotonen Arbeiten und im verführerischen Duft des Abbeizmittels verloren.

 

Text aus dem Jahr 2003

Copyright © 2000 HTBL Hallein.
Erstellt von Prof. Mag. Helmuth Hickmann